Gold für die Dichterpflänzchen

Vegavati – eine getanzte Tempellegende

Eine „poetische Berührung“ besonderer Art war die Uraufführung der indischen Tanzoper Vegavati von Dr. Aneesh Raghavan, der seit einem gemeinsamen Auftritt mit den Dichterpflänzchen befreundet ist.
Gabriele Liebig berichtet über diese beeindruckende Premiere am 3. Oktober 2025 in Heidelberg.

WER ANEESH RAGHAVAN EINMAL HAT TANZEN SEHEN, begreift sofort: Diese Art Tanz ist dazu ausersehen, Geschichten zu erzählen, Dichtung zum Leben zu erwecken, Gefühle in harmonische Bewegung zu verwandeln und auf eine Weise nacherlebbar zu machen, wie es sonst nur die Musik vermag.

Aneesh Raghavan kennt die uralten Geschichten der indischen Literatur. Als Sanskrit-Experten habe ich ihn vor zwei Jahren kennen gelernt, als die Dichterpflänzchen ein Porträt des genialen Übersetzers Friedrich Rückert planten. Ich hatte mir einige von Rückert besonders schön ins Deutsche übertragenen indischen Liebesgedichte ausgewählt und suchte nun nach den Originalen auf Sanskrit. Man empfahl mir Dr. Raghavan von der Akademie der Wissenschaften in Heidelberg, dem ich Rückerts Übertragungen schickte. Obwohl bei den meisten Gedichten nur der Verfasser, aber nicht einmal die Werksammlung angegeben war, dauerte es kaum zwei Wochen, bis ich alle Gedichte auf Sanskrit und in Umschrift in Händen hielt. Der junge Wissenschaftler hatte sie alle gefunden! Wir studierten die indischen Sprüche und Lieder zusammen ein, und Dr. Raghavan bereicherte den Rückert-Abend bei der Deutsch-Indischen Gesellschaft in Mainz, indem er diese wunderbaren Gedichte auch im Original auf Sanskrit rezitierte oder sang. Manche verkörperte er zusätzlich durch winzige Pantomimen. Das Publikum war begeistert.

Dann erzählte Dr. Raghavan mir von seinem Plan, eine Tanzoper zu komponieren. Er wollte die alte Tempellegende Vegavati mit Gesang und Tanz auf die Theaterbühne bringen. Die Legende stammt aus einem über 700 Jahre alten Sanskrit-Text, dem Hastigirimahatmya, und wird alljährlich bei einem religiösen Festival im Varadarajaswami-Tempel in Kanchipuram vorgetragen. Aneesh Raghavan beschäftigte sich mit diesem Text im Rahmen eines Forschungsprojekts über südindische Hindu-Tempellegenden an der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Ich fand die Idee einer Tanzoper faszinierend, tatsächlich hatte er sie schon fertig im Kopf. Den Winter verbrachte er in Indien, um mit befreundeten Musikern die Musik einzuspielen. Im Frühling kam er nach Deutschland zurück, um sämtliche klassisch-indischen Tanzschulen von Heidelberg und Umgebung in das Vegavati-Projekt einzubeziehen.


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Premiere in Heidelberg am 3. Oktober

Neugierig reiste ich am 3. Oktober 2025 nach Heidelberg, um in der Neuen Aula die Uraufführung von Aneesh Raghavans Vegavati mitzuerleben. Ich wusste, dass es ein interessanter Abend werden würde, aber was ich dort sah und hörte, übertraf alle Erwartungen: 90 Minuten Schönheit pur, Drama, Spannung, bei aller farbenfrohen Abwechslung eine transparente Handlung, dank des passgenauen Zusammenspiels von Musik, Videoprojektion und tänzerischer Darstellung. Die 25 Tänzer/innen tanzten einfach wundervoll, mit Hingabe und Ausdruckskraft und zugleich mit einer Leichtigkeit und Anmut, als wären sie ein Profi-Ensemble.

Der Zuschauer hört den Gesang auf Sanskrit, wichtige Textstellen auch als englisches Voiceover oder Schriftzitat auf der Videoleinwand. Die uralte Tempellegende wird lebendig. Durch getanzte „Vorhänge“ wird die Handlung, wie im europäischen Theater, in Bilder unterteilt. Die Flussgöttin Sarasvati (getanzt von Swathi Raghavan aus Paris) und ihre Mädchen eröffnen das Ballett blau-silbern gekleidet mit einem Wasserwogentanz. Der Weise Vasistha (getanzt vom Choreographen Aneesh Raghavan), will sie zur Opferfeier ihres Gatten Brahma abholen, wird aber abgewiesen. Er kann noch so inständig bitten, sie kommt nicht mit, zu tief hat der Gatte sie gekränkt. Das nächste Bild schildert in Rückblende, wie Brahma seine Gattin Sarasvati vor der ganzen Götterversammlung herabsetzt hat.

Weil aber bei dem Opfer für den obersten Gott Visnu die Anwesenheit der Göttergattin zwingend erforderlich ist, heiratet Brahma die Göttin Savitri, und wir alle werden Zeuge der Hochzeit. Ein kleines Mädchen mit hoher Tanzbegabung (kaum sieben Jahre alt) zieht auf einmal alle Aufmerksamkeit auf sich, bezaubert das Publikum, und man gewinnt den Eindruck, als wäre dieser (als Zwischenspiel gedachte Tanz) Teil der Götterhochzeit. Bei dem Fest fühlen sich drei gehörnte Dämonen missachtet und fassen einen unheilvollen Plan. Als fromme Leute verkleidet hinterbringen sie Sarasvati die Kunde von Brahmas Heirat mit Savitri, um ihren Zorn aufs Äußerste zu reizen. Das Drama spitzt sich zu, Gesang und Tanz perfekt synchron: Wenn eine Figur singt, steht sie auch choreographisch im Mittelpunkt.

Sarasvati ist außer sich. Als wütender Fluss will sie alles mit sich reißen und Menschen und Götter in tosender Flut vernichten – so hört und sieht man es auf der Bühne. Und dann treten plötzlich geplagte Menschen auf die bisher nur von himmlischem bzw. höllischem Personal bevölkerte Bühne: arme Bauern, Männer und Frauen, Kinder in einfachen Kleidern. Voller Angst vor der nahenden Flut wenden sie sich an Gott Brahma, flehen ihn um Rettung an. Es folgt ein großes Gebet an Visnu. wunderschön getanzt und gesungen: Alle bitten Visnu, das Unheil abzuwenden.

Und tatsächlich erscheint Visnu (erleichterter Applaus aus dem Publikum): Der junge Gott, golden gekleidet und wirklich schön wie die Sonne, gebietet dem wütenden Fluss in legendärer Pose Einhalt: Die Flussgöttinnen kommen nicht an ihm vorbei. Auf ein kurzes Pas de deux von Visnu und Sarasvati folgt ein längeres mit Brahma. Am Ende erhält Sarasvati Brahmas Versprechen, man werde ihren Fluss Vegavati für alle Zeit als Indiens heiligsten Fluss verehren. Im Schlussbild sind alle versöhnt, sogar Sarasvati und Savitri.

Vegavati ist mein wunderschönstes Theatererlebnis seit langer Zeit. Aneesh Raghavan, der vielfach talentierte Wissenschaftler, Tänzer, Komponist und Choreograph, hat ein erstrangiges klassisches Kunstwerk geschaffen, das auf die großen Theaterbühnen Europas gehört.

Gabriele Liebig

Alle Fotos: Karan Vichare (Zum Vergrößern auf die Bilder klicken)

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Die Flussgöttin Sarasvati und ihr silberblaues Gefolge.

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Brahma hat seine Gattin tief verletzt.

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Deshalb fleht der weise Gesandte sie vergeblich an, sie kommt nicht mit.

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Eine kleine Tänzerin zieht alle in ihren Bann.

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Drei Dämonen fühlen sich übergangen.

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Aus Rache reizen sie Sarasvatis Zorn.

7%20Aus%20Wut%20und%20Verzweiflung%20will%20Sarasvati%20zum%20reißenden%20Fluss%20werden%20kl.

Aus Wut und Verzweiflung will Sarasvati zum reißenden Fluss werden.

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Menschen bitten um Rettung vor der Flut.

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Visnu gebietet der Flut Einhalt...

10%20...%20und%20besänftigt%20Sarasvati%20kl.

... und besänftigt Sarasvati.

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Die Wogen glätten sich.