“Wir sind zwei Stimmen einer Melodie!”
Goethe und Mevlana im Himmel, belauscht von Muhammad Iqbal Ein
besonderer Glücksfall für den kulturellen Dialog zwischen dem
Morgen- und dem Abendland ist Goethes “West-östlicher Diwan”. Dass
nun dieses Werk den pakistanischen Dichterphilosophen Muhammad
Iqbal zu einer Öst-westlichen Antwort inspirierte, ist mehr als ein
Glücksfall. Es ist wohl die edelste, höchste und poetischste Form
der Diskussion, die zwischen Okzident und Orient bisher
stattfand.
Goethe erschließt durch seinen begeisterten Umgang mit den Werken
des persischen Dichters Hafiz dem westlichen Leser einen Zugang zum
orientalischen Denken. Muhammad Iqbal, als indo-islamische
Philosoph, mit der westlichen Literatur vertraut, antwortet nun
explizit in seinem Werk “Botschaft des Ostens” auf Goethes Aussagen
und übereicht diese Symbiose dem orientalischen
und dem westlichen Leser.
Durch Goethes und Iqbals Arbeiten wird eine befruchtende
Wechselbeziehung zwischen den Kulturen dokumentiert, die für den
kulturellen Dialog beispielhaft ist und die für den zukünftigen
Gedankenaustausch die Grundlage bilden kann; denn ungeachtete des
zeitlichen Abstandes und der unterschiedlichen historischen
Rahmenbedingungen bei der Entstehung dieser Dialog-Poesie sind die
Inhalte überraschend aktuell und für die heutige Zeit
wertvoll.
Im Jahr 1814 fällt Goethe die erste
Übersetzung des Diwans von Hafiz in die Hände, in den folgenden 2
Jahren entsteht sein Gedichtband “West-östlicher Diwan”.
Im Jahr 1923 veröffentlicht Muhammad
Iqbal in persischer Sprache seine “Botschaft des Ostens”.
Im Jahr 1954 überträgt Annemarie
Schimmel, während ihrer Lehrtätigkeit an der Universität in Ankara,
dieses Werk ins Türkische und gleichzeitig ins Deutsche.
Im Jahr 2010 erzählen die
“Dichterpflänzchen” davon.
Um die Protagonisten Johann Wolfgang Goethe, Muhammad Iqbal und
Frau Annemarie Schimmel zu ehren und speziell deren Dialog-Poesie
bekannt zu manchen, dazu soll unser Rezitationsprogramm mit dem
Titel: Wir sind zwei Stimmen einer Melodie! -
Goethe und Mevlana im Himmel, belauscht von Muhammad Iqbal,
dienen.
Im Verlauf des Programms werden der persische Dichter Hafiz, der
Goethe beeiflusste und der türkische Dichterphilosoph Mevlana
Dschalaleddin Rumi, der Iqbal so vertraut war, ebenfalls
vorgestellt.
Hier nun das erlauschte Gespräch zwischen Mevlana Dschalaleddin
Rumi und Goethe im Himmel. Ist das nicht eine überraschende und
phantastische Idee von Iqbal?, wie geschaffen für die
“Dichterpflänzchen”!
Muammad Iqbal (Übertragung: Annemarie Schimmel
)
Dschalal und Goethe
Der kluge Deutsche fand im Paradeis
Gesellschaft an dem Persergreis.
Auch er – wie jener Hohe – ein Poet,
Der wohl ein Buch hat, doch ist kein Prophet.
Er las ihm, der uralter Weisheit kund,
Die Mär von Satan und des Weisen Bund.
Sprach Rumi: “Du, der Wortes Geist erfaßt,
Die Engel jagst und Gott als Beute hast -
Dein Denken sich im Herz verborgen hält,
Erschafft aufs Neue dann die alte Welt!
Im Bild hast du der Seele Drang geschaut,
Die Perle in der Muschel neu gebaut,
Der Lieb’ Symbolik kennt nicht jedermann,
Nicht jeden nimmt man hier im Kloster an.
Der Kluge und Vertraute weiß, was bliebe:
Vom Teufel der Verstand, von Adam Liebe!”
